Overblog Suivre ce blog
Editer la page Administration Créer mon blog
/ / /

Genug ist nicht genug

Daß der Himmel heut so hoch steht,
kann doch wirklich kein Versehen sein.
Und es ist bestimmt kein Zufall,
daß die Lichter sich vom Dunst befrein.

Ich sitz regungslos am Fenster,
ein paar Marktfraun fangen sich ein Lächeln ein.
Irgendwo da draußen pulst es,
und ich hab es satt, ein Abziehbild zu sein.

Nichts wie runter auf die Straße,
und dann renn ich jungen Hunden hinterher.
An den Häusern klebt der Sommer,
und die U-Bahnschächte atmen schwer.

Dieser Stadt schwillt schon der Bauch,
und ich bin zum großen Knall bereit.
Auf den Häusern hockt ein satter Gott
und predigt von Genügsamkeit.

Genug ist nicht genug,
ich laß mich nicht belügen.
Schon Schweigen ist Betrug,
genug kann nie genügen.

Viel zu lange rumgesessen,
überm Boden dampft bereits das Licht.
Jetzt muß endlich was passieren,
weil sonst irgendwas in mir zerbricht.

Dieser Kitzel auf der Zunge,
selbst das Abflußwasser schmeckt nach Wein.
Jetzt noch mal den Mund geleckt,
und dann tauch ich ins Gewühl hinein.

Komm, wir brechen morgen aus,
und dann stellen wir uns gegen den Wind.
Nur die Götter gehn zugrunde,
wenn wir endlich gottlos sind.

Auf den ersten Rängen preist man
dienstbeflissen und wie immer die Moral.
Doch mein Ego ist mir heilig,
und ihr Wohlergehen ist mir sehr egal.

Genug ist nicht genug,
ich laß mich nicht belügen.
Schon Schweigen ist Betrug,
genug kann nie genügen.


Konstantin Wecker, 1977

 


Waffenhändler-Tango

Erst baun wir Waffen, dann verkaufen wir sie weiter,
dann wird ein Krieg geführt, natürlich ein gescheiter,
dann stelln wir uns auf irgendeine Seite,
die andre geht dann selbstverständlich pleite.
Dann finden wir das Ganze ganz gemein
und sammeln unsre Waffen wieder ein.

Dann gilt es, einen Krisenherd zu schaffen,
der braucht dann dringend unsre alten Waffen.
Und währenddessen basteln wir an neuen,
um einen potentiellen Gegner zu erfreuen.
Die muss man dann natürlich ausprobieren,
am lebenden Objekt studieren.
Begleiterscheinungen wie Hunger, Tod und Qual
sind zwar ein Schaden, doch nur co- und lateral.

Dann zündet einer wieder irgendwo die Welt an,
dann kommt der Richtige mal wieder an mehr Geld ran,
das macht dann irgendjemanden zu schaffen, -
schon braucht man wieder neue Waffen.
Und während weltweit alle protestieren,
kommen wir kaum mehr nach mit produzieren.
Wir züchten weiter emsig Patrioten
und halten sie als nützliche Idioten.

Dann brauchen wir noch irgendeinen Bösen,
von dem wir dann die freie Welt erlösen,
und finden wir nicht gleich einen Gemeinen,
dann basteln wir uns eben einen.
Es ist doch klar, dass jeder andre schlecht ist,
wenn unsre Sache einzig richtig und gerecht ist.
Drum lasst uns ewig weiter Waffen bauen,
die wir den andern um die Ohren hauen.

Man kann das nennen wie man will,
humanitärer Overkill,
heiliger Krieg, gerechte Sache,
die Fahne hoch, dass ich nicht lache.
Die ganzen Sprüche schenk´ ich Ihnen, -
beim Krieg gehts immer nur ums Geldverdienen.
Und unsre Freiheit ist, auch dieses Lied beweist es,
nur die des Marktes, nicht mehr die des Geistes.


Konstantin Wecker, 2006


Vom Sinn

Der Sinn vom Sinn ...

Er ist amorph, er ist nicht leicht zu fassen.

Er ziert sich und verkleidet sich auch gern.

Am besten wär´ es sicher, ihn zu lassen

vielleicht im "Faust" versteckt, als Pudels Kern,

 

in Philosophenseminaren, auf Kongressen

und fest versiegelt im gehobenen Gedicht.

Jedoch weil jeder so auf ihn versessen,

wird er gefunden, ob´s ihn gibt oder auch nicht.

 

Und jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn.

Denn der Sinn liegt immer irgendwo drin.

Ja, wo ist er denn, wo bleibt er denn,

wo hat er sich versteckt?

Hat von Ihnen vielleicht jemand

den Sinn entdeckt?

 

Und jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn.

Ja, wo ist denn der Sinn schon wieder hin?

Schnell, wir müssen uns beeilen.

Hinter jeder dieser Zeilen

kann er kauern, mauern, lauern - der Sinn.

 

Und jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn.

Denn der Sinn liegt immer irgendwo drin.

Ja, wo ist er denn, wo bleibt er denn,

wo hat er sich versteckt?

Hat von Ihnen vielleicht jemand den Sinn entdeckt?

 

Und jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn.

Ja, wo ist denn der Sinn schon wieder hin?

Schnell, wir müssen uns beeilen.

Hinter jeder dieser Zeilen kann er kauern, mauern, lauern - der Sinn.

 

Schön wär´s, Sätze zu schreiben, die bleiben,

obwohl sie nichts wollen und sollen.

Aber etwas drängt mich, engt mich ein und zwängt mich.

Existenzielle Schwere beschränkt mich.

Und dann hilft kein Fluchen, denn dann muss ich suchen,

muss in Sätzen wühlen, stecke knietief in Gefühlen,

leg mich auf die Lauer, werd´ kein bisschen schlauer,

und schon ist er hin - der Sinn.

 

Und jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn ...

(Ach einmal liegen zu bleiben

statt "Bleib nicht liegen" zu schreiben ...)

Ohne Hintergrund kreieren, mit Metaphern jonglieren,

mit servilen Barbieren über nichts bramarbasieren,

mit billigen Schmieren auf Bühnen brillieren,

trivialisieren, semantisch masturbieren,

ohne Rücksicht auf Gewinn und vor allem ohne Sinn ...

 

Und auf einmal wird mir angst und bange:

Vielleicht tu´ ich das ja alles schon lange!

Darum suchen wir jetzt alle nach dem Sinn ...

 

Und jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn.

Ja, wo ist denn der Sinn schon wieder hin?

Schnell, wir müssen uns beeilen!

Hinter jeder dieser Zeilen

kann er kauern, mauern, lauern,

sich verstecken, Zähne blecken,

schlichte Herzen derb erschrecken,

in Kritiken schwadronieren, resümieren, reüssieren,

als Erleuchtung sich gerieren ...

Helft mir doch - da geht er hin:

der Sinn


Konstantin Wecker, 2005


Partager cette page

Repost 0
Published by